Donnerstag, 1. Dezember 2011

Runder Tisch Kindesmissbrauch beendet - Die Hoffnung stirbt zuletzt und die Opfer zuerst

100-Millionen-Euro-Hilfsfonds als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für PädagogInnen und PsychiaterInnen


Der Runde Tisch Kindesmissbrauch hat seine Arbeit beendet. Die Ministerinnen Schavan, Schröder und Leutheusser-Schnarrenberger waren mit sich und dem Ergebnis im Reinen. Was die Damenriege vergessen hatten zu betonen, dass im Abschlussbericht oftmals das Wort "soll", "will", "beabsichtigt", "fortgesetzt", "erste Schritte" erwähnt wird. Die Opfer werden den Runden Tisch und den Abschlussbericht so sehen, wie er auch gemeint war. Nichts genaues kann man zusagen, alles wird geprüft und steht unter dem finanziellen Vorbehalt. Was ist den zahlreichen Opfern nun zu raten? Mein dringender Ratschlag ist, mit und ohne Rechtsschutzversicherung, die Täterinnen und Täter und die verantwortlichen Träger der Einrichtungen gerichtlich verklagen sowie dieses an das Licht der Öffentlichkeit zu tragen. Keinesfalls sich davon beeindrucken lassen, dass Verjährungsfristen abgelaufen sind und TäterInnen verstorben. Was die Opfer besonders zornig und wütend gemacht hat ist die Tatsache, dass ausgerechnet VertreterInnen der Institutionen am Tisch saßen die keinesfalls ein Interesse haben, dass ihr Geldbeutel schnell entleert wird. Dieses Ziel wurde erreicht. Keine konkreten Zusagen wurden gemacht. Alles steht unter irgendwelchen gesetzlichen und finanziellen Vorbehalten. Der ministeriellen Damenriege ist vorzuwerfen, dass sie versucht haben, einen Misthaufen als Rosenbeet zu verkaufen.

Für den sexuellen Missbrauch von Kindern als Begriff ist der Missbrauch zentral. Sexueller Missbrauch von Kindern ist stets eine Verletzung der ungestörten Gesamtentwicklung des Kindes durch vorzeitige sexuelle Erlebnisse. Dadurch wird die Entwicklung seiner sexuellen Selbstbestimmungsfähigkeit gestört. Im deutschen Recht wird die Einwilligungsfähigkeit des Kindes in sexuelle Handlungen, mithin die sexuelle Autonomie des Kindes generell verneint. Ab welchem Alter eine solche Selbstbestimmung sicher vermutet oder vorausgesetzt wird, ist stark kulturabhängig. Beispielsweise wird in den meisten Kulturen das heiratsfähige Alter mit einer gewissen sexuellen - nicht notwendigerweise sozialen - Autonomie verknüpft.

In der Psychologie wird in diesem Zusammenhang unterschieden zwischen einfacher Zustimmung - simple consent - und wissentlicher Zustimmung - informed consent -. Hier geht es darum, ob eine Person so weit in der Lage ist, die Folgen der betreffenden Zustimmung < / > Handlung abzusehen, dass man überhaupt von Zustimmung sprechen kann: Es setzt ein umfassendes Begreifen des Geschehens und seiner Folgen voraus. Die juristisch relevante Alters- und Reifestufe wird im Begriff des Schutzalters gefasst. Aus Sicht von Bretz et al. - 1994 - wird die Beteiligung von noch nicht ausgereiften Kindern und Jugendlichen an sexuellen Aktivitäten als sexueller Missbrauch von Kindern definiert, denen sie nicht verantwortlich zustimmen können, weil sie noch nicht in der Lage sind, sie in ihrer Tragweite zu erfassen. Diese Kulturabhängigkeit wird von Pädosexualisten häufig dazu verwendet, pädosexuelle Kontakte zu relativieren und als hinnehmbar darzustellen. Unabhängig von Kulturvarianten basiert eine solche Betrachtung auf positiven Annahmen - wir wollen es beide und haben uns lieb - und lässt die spezifische Traumatisierbarkeit von Kindern außer Acht.

Der Runde Tisch Kindesmissbrauch hat seine Arbeit beendet. Der Bund wolle Hilfen im Umfang von 100 Millionen Euro zur Hälfte finanzieren. Bischof Ackermann machte zum Abschluss klar, dass das Thema Missbrauch „uns alle angeht, die ganze Gesellschaft, viele Institutionen - darunter natürlich auch die katholische Kirche - aber auch die Familien“.

Bundesbildungsministerin Annette Schavan CDU sagte, der Runde Tisch habe einen ersten Schritt zu einer „Kultur der Aufmerksamkeit“ gemacht. „Das Schweigen ist gebrochen“, sagte sie. Bundesfamilienministerin Kristina Schröder CDU ergänzte: „Wir sind nicht am Ende unserer Anstrengungen angelangt.“ Der große Teil der Arbeit sei noch zu tun. Kinderschutz müsse immer neu erkämpft werden.
In einem Jahr will der Runde Tisch erneut tagen, um die Umsetzung der Beschlüsse zu überprüfen. Das 60-köpfige Gremium beschloss, dass Betroffene Hilfen wie etwa Therapien in Höhe von maximal 10.000 Euro finanziert bekommen. Zudem sollen Missbrauchsopfer länger als bisher die Möglichkeit erhalten, auf Schadensersatz zu klagen. Die zivilrechtliche Verjährungsfrist soll von derzeit drei auf 30 Jahre verlängert werden.

In Leitlinien für Institutionen wird festgelegt, dass Polizei und Staatsanwaltschaft im Verdachtsfall möglichst schnell einzuschalten sind. Einrichtungen wie Schulen oder Sportvereine sollen künftig nur dann staatlich gefördert werden, wenn sie mit dem öffentlichen Träger Vereinbarungen zur Prävention geschlossen haben. Das Bundesforschungsministerium fördert über drei Jahre Forschungsprojekte zu sexualisierter Gewalt mit 30 Millionen Euro.

Die Bundesinitiative der Betroffenen von sexualisierter Gewalt kritisierte die finanzielle Begrenzung der Hilfsmaßnahmen. Betroffene bräuchten oft über viele Jahre hinweg Hilfe. Zudem forderte die Initiative einen Ausbau des Beratungsnetzwerks. Der Missbrauchsbeauftragte der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Stephan Ackermann, sagte, der Runde Tisch habe das Signal gesetzt, dass das Thema sexueller Missbrauch die ganze Gesellschaft angehe. Die Arbeit in dem Gremium sei stets sehr konstruktiv gewesen. Die Vertreter der katholischen Kirche seien respektvoll behandelt worden. Mit dem Abschlussbericht sei das Thema nicht erledigt.

Das betonte auch der Bevollmächtigte des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Prälat Bernhard Felmberg: „Die letzte Sitzung des Runden Tisches ist kein Schlusspunkt, sondern ein Anfang: Jetzt muss sich bewähren, was auf den Weg gebracht wurde.“ Der Runde Tisch habe wesentliche Fortschritte im Blick auf die Sensibilisierung der Gesellschaft für das Thema sexualisierte Gewalt erzielt. Wichtig sei auch, dass die Arbeit der unabhängigen Beauftragten fortgeführt werde.

Der Runde Tisch habe trotz einiger Schwachstellen gute Arbeit geleistet, sagte die Grünen-Bundestagsabgeordnete Ekin Deligöz, die Mitglied in dem Gremium war. Jetzt müsse die Umsetzung der Hilfen angegangen werden. Die kinderpolitische Sprecherin der Linksfraktion, Diana Golze, sagte, der Abschlussbericht setze in vielen Bereichen neue Maßstäbe und zeige an anderen Stellen die Schwachpunkte der Kinderschutzsysteme in Deutschland.

Die Leiterin der Kölner Beratungsstelle „Zartbitter“, Ursula Enders, sagte hingegen: „Das Ergebnis ist mager.“ Insbesondere bemängelte Enders im Deutschlandfunk, dass zu wenig zum Ausbau des Beratungsangebots vereinbart worden sei. Der Runde Tisch war im Frühjahr vergangenen Jahres von der Bundesregierung als Reaktion auf den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche berufen worden. Ihm gehörten rund 60 Vertreter aus Bund, Ländern und Kommunen, Fachverbänden, den Kirchen und Schulen, aus Sport und Wissenschaft sowie einige Betroffene an.

Zu wenige Fachleute - zu viele politische Verpflichtungen: So beurteilt Ursula Enders von der Kölner Opferschutzstelle "Zartbitter" die Besetzung des Runden Tisches "Sexueller Kindesmissbrauch", der jetzt seinen Abschlussbericht vorgelegt hat. Dementsprechend mager sei das Ergebnis.

Anne Raith: Zunächst waren die Enthüllungen auf katholische Schulen und Internate beschränkt, doch bald wurde klar: Sexueller Missbrauch wurde auch in der Odenwald-Schule verharmlost und vertuscht, auch in Kinderheimen, in Sportvereinen, in Schulen und Familien. Die Bundesregierung ernannte eine unabhängige Missbrauchsbeauftragte und rief den Runden Tisch "Sexueller Kindesmissbrauch" ins Leben, der heute seinen Abschlussbericht vorlegt. Ursula Enders ist die Geschäftsführerin des Opferschutzverbandes "Zartbitter" in Köln. Ich hatte vor der Sendung Gelegenheit, mit ihr zu sprechen und sie zu fragen, wie denn ihr Abschlussbericht über den Runden Tisch ausfällt.

Ursula Enders: Viel geredet, viel deutlich gemacht, und nichts ist passiert.

Raith: Woran liegt das? Wurden da grundsätzlich die falschen Prioritäten gesetzt, die falschen Leute an den Tisch gesetzt?

Enders: An dem Runden Tisch sitzen einige Experten, die sich seit Jahren für Opfer sexualisierter Gewalt engagieren. Aber der größte Teil des Runden Tisches sind Vertreter von Institutionen, die dazulernen sollten. Nun hat man die, die was verändern sollten, zusammen an den Runden Tisch gesetzt, und sie sollten gemeinsam erarbeiten, was in Zukunft passieren muss. Dementsprechend haben sie sich gegenseitig geschont und zum Teil auch die Interessen der Institutionen wieder vertreten.

Raith: Aber Sie sagen es, es saßen Fachleute am Tisch. Wie kann es sein, dass dann trotzdem am Ende in Ihren Augen nicht das Richtige dabei herauskam?

Enders: Es saßen einige Fachleute am Tisch, aber die waren in der Minderheit. Und vor allen Dingen hat sich Frau Leutheusser-Schnarrenberger durchgesetzt. Die möchte, dass Missbrauch in Institutionen gesühnt wird und der Staat praktisch seine Sanktionen verhängen kann, und das geht auf Kosten der Opfer. Und so hat sie praktisch eine Selbstverpflichtung der Institutionen vorgeschlagen, dass sie quasi von sich aus die Strafanzeige machen sollen, und die Experten, die in dem Bereich arbeiten, haben sich größtenteils dagegen ausgesprochen, und das ist in der Form nicht gehört worden.

Raith: Aber bei den Leitlinien, die Sie ansprechen, geht es ja auch darum, dass eben Straftaten angezeigt werden sollen und nicht intern ermittelt werden soll, eben damit es keine Verdunklungsgefahr gibt.

Enders: Ja! Aber wir sind gegen die Strafanzeigen in der Mehrzahl der Fälle von Missbrauch in Institutionen. Wir hätten gerne eine Strafanzeige, aber die Strafverfolgungsbehörden arbeiten dermaßen opferfeindlich heute noch, dass sowieso höchstens in jedem siebten Fall, der angezeigt wird, es zu einer Verurteilung kommt und die meisten Fälle werden gar nicht angezeigt, sodass wir auch den Opfern oft abraten von der Strafanzeige, weil sie dort noch mal traumatisiert werden. Und man kann nicht ein Instrumentarium als Lösung anbieten, das nicht funktioniert. Und unsere Forderung war, erst mal sehr klar die Arbeitsweise der Strafverfolgungsbehörden zu verbessern, und der nächste Punkt ist, dass Opfer sexualisierter Gewalt in Institutionen häufig die Angst haben, öffentlich entblößt dazustehen. Und solange wir keine anderen Möglichkeiten haben, dass viel diskreter ermittelt wird, dass die Namen nicht öffentlich werden, dass der Opferschutz gewährleistet wird, werden auch viele Opfer im Rahmen des Strafverfahrens ihre Aussage zurücknehmen.

Raith: Das heißt, Strafanzeigen sind nicht der richtige Weg. Was hätten Sie sich dann gewünscht vom Runden Tisch als Signal?

Enders: Strafanzeigen sind ein Weg, wenn Opfer geschützt werden, wenn wir mehrere Opfer haben und wenn es nicht auf Kosten der Opfer geht. Was wir vor allen Dingen brauchen, ist Beratungsinstitutionen für die Opfer, die Opfer erst mal stabilisieren, Beratungsinstitutionen, die Institutionen zur Seite stehen, die Fälle von sexueller Übergriffigkeit haben. Wir brauchen vor allen Dingen eine sehr viel bessere Regel mit dem Umgang von sexuellen Übergriffen im Schulbereich. 8,3 Prozent aller Täter sind nach der Studie von Herrn Pfeiffer kommen aus der Schule, und wir brauchen dort quasi Ansprechpartner, die auch Kinder ernst nehmen. Wir brauchen präventive Maßnahmen.

Raith: Um Prävention ging es ja auch. Es ging auch um Schulen, um Sportvereine. Es wurde ja geöffnet sozusagen, nach den ersten Fällen, die allein die katholische Kirche betrafen, hat sich dieser Runde Tisch ja zusammengesetzt, um eben alle Missbrauchsopfer zu berücksichtigen.

Enders: Ja! Es liegt zum Beispiel dem Runden Tisch ein sehr ausgewogenes Papier vor zu Möglichkeiten der Prävention. An dem habe ich selbst mitgeschrieben. Das ist nicht in die Abschlusserklärung aufgenommen worden. Weil das, was jetzt aufgenommen worden ist, ist halbherzig.

Raith: Was hätte denn geschehen müssen?

Enders: Eine Verpflichtung aller Institutionen zu präventiven Maßnahmen, ansonsten, dass sie nicht finanziell gefördert werden, also quasi die Koppelung an Maßnahmen, an Mindeststandards an die öffentliche Förderung. Wir brauchen eine Verpflichtung der Institutionen für Ansprechpartner, Ombudsmänner und -Frauen außerhalb der Institution. Wir brauchen eine Verpflichtung zur Prävention und wir brauchen vor allen Dingen Hilfe für Betroffene.

Raith: War der Runde Tisch überhaupt die richtige Plattform? Hätte man sich das sparen können?

Enders: Ein Runder Tisch ist richtig. Nur die Frage ist immer, wie man besetzt. Besetzt man ihn aus politischen Verpflichtungen heraus, aus der Lobbyarbeit heraus, oder holt man wirklich die an den Tisch, die in dem Bereich arbeiten und auch die Fakten benennen können.

Raith: Und in der Besetzung hätte man ihn sich sparen können?

Enders: Er hat eine politische Diskussion geöffnet. Das Ergebnis ist mager, aber wir werden auch aus dem mageren Ergebnis langfristig was machen.

Raith: Sagt Ursula Enders, die Geschäftsführerin des Opferschutzverbandes "Zartbitter" in Köln, über den Runden Tisch sexueller Missbrauch, der sein Abschlusspapier vorgelegt hat. - mit kna und wikipedia -

< http://www.rundertisch-kindesmissbrauch.de/ >


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